Die weiblich-somatische Qualität in der ‚Diaspora‘ (1.Text zur w-s Qualität aus dem Jahr 2013)

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26.4.2013 – Eine erste textliche Annäherung an das ‘weiblich-somatische Prinzip’ und dessen gesellschaftliche Stellung in der Westlichen Kultur // geschrieben aus weiblicher Perspektive aufgrund der Zusage zum ‚Open-Process-Stipendium‘ der Pro Helvetia Schweiz in Warschau im Juli 2013.

Ok. Jetzt bin ich eingeladen… bin ich aufgefordert, diesem meinem spezifischen Interesse weiter zu folgen…

Ich hätte es mir denken können, dass diese Reise weiter geht… Meine Reise in die ur-weibliche Kreativität und Qualität, samt den dazugehörenden Fragestellungen und Reibungen. Mein persönliches und langersehntes Erwachen als Frau in meiner urweiblichen Qualität und Kraft – ohne den Umweg über das Männliche, die männlich-analytische Struktur, das männlich-analytische Denken, die männlich-analytische ‚Klarsicht‘, Strategie, Separation… (welche ich im Übrigen aufgrund meiner Prägung alle ganz gut beherrsche) – ohne die anhaltende Distanzierung des Subjekts vom Objekt… Ohne das Ohne. Alles im Mit: Mein Erwachen als Frau im Mysterium.

Was heisst das?

Wir Frauen meistern ihn mittlerweile sehr gut, den Umweg über die männliche Qualität und Geisteskraft. Wir brillieren geradezu darin. Mussten ja auch. Ohne diesen Umweg wären wir nicht so weit gekommen.

Und nun – sind wir weit weg von uns selbst…

Der Umweg hatte uns gerettet – aus der Unterdrückung, aus der Ungerechtigkeit, aus dem Minderwert. Wir haben gelernt, schamfrei herauszusteigen aus dem Schattendasein unserer selbst. Selbstständig haben wir uns ans Licht gebracht, sind an den männlichen Strukturen der Gesellschaft, in der wir leben, emporgeklettert.

‚Wir können das auch!‘ haben unsere Mütter einst geschrien. Geschrien, ja. Laut sein, war in jener Zeit wichtig. Auch das Kämpfen und Ankämpfen war ihnen wichtig. ‚Kampf der Geschlechter‘ nannten sie ihn. Sie die Mütter. Und mir wird übel… Denn Kampf ist Krampf und Krampf ist Kampf. Der überspannte Beckenboden graviert sich in die Schreibweise unserer Geschichte ein. Und das tut mir leid.

Wer an ihnen, unseren Müttern, gezweifelt hatte, dem haben sie, die Mütter, ihre Brillanz gleich doppelt um die Ohren gehauen. Gehauen. Ja. Und zart ins Ohr geflüstert.

Die Schläge dieses Kampfes waren heftig und auch von subtiler Natur. Gross waren die erreichten Siege. Und gross war die Irritation im Element der Männlichkeit.

Noch grösser allerdings war der Verlust unserer selbst – unserer weichen, weiblichen, intuitiven, sich verschenkenden und sich über die Grenzen hinweg verströmenden, verschmelzenden, hingebenden Natur.

Wir haben uns Zugang geschaffen zu einer bisher von Männern dominierten Berufswelt. Wir haben uns Zugang geschaffen in eine Gesellschaft, die Jahrtausende lang von Männern gestaltet und dominiert wurde. Wie damals die Griechen Troja, haben auch wir, als das ‚minderwertige Geschlecht‘ mit Strategie, geistiger Brillanz, List und Gewalt unsere Positionen in der Gesellschaft erobert. Doch das trojanische Pferd hat uns unser Selbst gekostet. Denn die Waffen waren unsere nicht. Und mit der Selbstverleugnung fliesst nun der Selbsthass in subtilster Form durch unsere Adern. Und vielleicht auch noch durch die Adern unserer Kinder und Kindeskinder; tröpfelt durch unsere Gedanken, huscht über unsere Zungen und bevor wir es merken – haben wir das Männliche bewusst und ‚unterbewusst‘, mit lauten und mit leisen Tönen klein gehauen… anstatt es zu ehren, zu verehren, zu begehren, wie es sich unserer Natur gehört.

Doch sie, die Natur, haben wir im Zuge unserer ‚feministischen‘ Bewegung selber vergessen. Wir haben sie umgedreht. Wir haben sie verdreht. Wir haben uns selber, unseren Körper, unser Sein – denkend – aus ihr herauskatapultiert; uns auf Distanz zu ihr gesetzt, unseren Körper verleumdet und alles Körperverdächtige aus dem Ganzen heraus dissoziiert. Tanzen tut heute vielleicht noch die Maus unter unseren Fingern – aber eine dionysische Erfahrung ist dieser Tanz nicht mehr.

Nur wir, die wir uns im Weiblichen (noch) zuhause fühlen, würden gerne anders fliessen, würden uns gerne in die Ganzheit zurück ergiessen. Die Strategie unserer Mütter ist die unsere nicht. Nicht mehr.

Wir, die wir uns im Weiblichen (noch) zuhause fühlen, erkennen, dass alles, was wir in jeder einzelnen Lebenssekunde gebären und wiedergebären, in der Geburt selber seinen Wert erlebt: den Wert des alles durchdringenden Lebens.

Dieser Wert allein verdient unsere volle Liebe, unsere volle Aufmerksamkeit, unsere volle Hingabe und Pflege – lange bevor eine Objektivierung stattfindet und die Trennung von Körper und Geist, sowie von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ ins Leben gerufen wird. Denn erst die vollständige Hingabe des weiblichen Elements an das Mysterium ‚Leben‘, lässt Neugeborenes in sein grösstes Potential hinein gedeihen.

Natürlich, auch durch Teilung, Planung und Strategie kann sich Leben entwickeln. Aber es entwickelt sich anders. Und es bleibt viel auf der Strecke liegen durch die allein stehende Schaffenskraft eines rein analytischen Geistes.

Die Hingabe des Weiblichen – und das meine ich jetzt nicht esoterisch, sondern empirisch! – ist das magische Element, welches Schöpfung erst ‚rund‘, ‚voll‘ und ‚prall‘ macht und durch welches Fülle und Liebe erst erfahrbar werden. Eine Trennung zwischen dem Erleben und den Erlebenden im männlich-analytischen Sinn, bzw. eine Trennung von Körper und Geist in Bezug auf Geburt und Schöpfung ist fatal – wenn sie nicht vom weiblichen Element (in Mann und Frau) mitgetragen wird und in der Liebe ihr Zuhause findet.

Wir Menschen gebären in jeder Millisekunde – aus unserem Körper, aus unseren Gedanken heraus. Und es ist von höchster Wichtigkeit, dass diese Neugeburten auch von der weiblich-somatischen Qualität getragen, begleitet und ‚ausgewertet‘ werden.

Es wird uns, die wir im Weiblichen (noch) zuhause sind, längerfristig krank machen, wenn unser Bezugssystem überwiegend das männlich Dominierende bleibt und wir uns weiterhin mit der männlich-analytischen Qualität in männlich geprägten Bezugssystemen zu etablieren suchen. Diese Anpassung – egal wie gut wir sie gemeistert haben und immer noch meistern – ist für uns nicht wahr. Sie steht unserer Natur entgegen, weil sie uns zwingt, uns vom Geburtserlebnis jeder einzelnen Millisekunde zu distanzieren, unsere Fähigkeit zur Hingabe zu reduzieren, unsere Ganzheit zu vergessen und alles Geborene, statt es mit Liebe zu nähren, der Bewertung zu opfern.

Der männlich-strategische Zugang zur Welt distanziert uns von der in der weiblich-somatischen Qualität innewohnenden grenzenlosen Liebe und Liebesfähigkeit.

Und solche Brüche in der Weiblichkeit tun uns, die wir im Weiblichen (noch) zuhause sind, weh. Es sind die Dornen, die wir uns selber in den Kreissaal gelegt haben. Nur so glaubten wir, die gesellschaftspolitische ‚Gleichberechtigung‘ zwischen Mann und Frau durchsetzen zu können.

In IST-Zustands-Analysen, Potenzialprognosen und Product-Placement-Strategien töteten wir, die wir uns im Männlich-Analytischen perfekt integriert haben, die Kinder, die es eigentlich verdient hätten, ins Dionysische, das heisst, ins volle, pralle Leben hinein geboren zu werden.

Das Mysterium und das Wunder – unser Zuhause – haben wir, die wir in der Mehrheit für dessen Empfängnis und Kultivierung zuständig wären, somit eigenständig aus der Welt geschafft. Und wie nun also, sollen wir so noch dem Männlichen dienen, wenn uns die Kraft, die die Einheit schafft, verloren ging?

Echte Emanzipation und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern hiesse für mich, dass wir Frauen, die wir unsere Hauptkraft im Weiblichen zählen, aufhören, mit männlichen Qualitäten zu kompensieren, nur um uns damit ‚system-kompatibel‘ zu machen. Das ist Verrat. Verrat an uns selber. Verrat an unserer eigenen Integrität.

Viel kraftvoller und heilender für die Welt wäre es, wenn wir uns alle (Mann und Frau) endlich wieder auf unsere wahre Hauptkraft besinnen – sei es die weiblich-somatische oder die männlich-analytische… und wir uns ehrlich fragen, wo wir hingehören… und wir endlich dafür sorgen, dass sich beide Qualitäten gleichberechtigt die Hand reichen – anstatt in einem inneren und äusseren Geschlechterkrieg zu verenden.

Yin und Yang im Gleichgewicht. Das wird Erlösung sein. Nicht nur für die Frauen. Sondern auch für den Mann, der im Männlichen zuhause ist – und der, der im Weiblich-Somatischen seine Hauptkraft findet.

Unterschiede sind grossartig, solange wir sie nicht bezüglich einem Morgen auswerten müssen, sondern einfach schlicht innerhalb eines Grossen Ganzen als euphorisierende Fülle erleben dürfen.

SLH – 26.4.2013 // 1. Lektorat 11.Oktober 2015

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